



Der Say-Do-Gap ist die Lücke zwischen dem, was Menschen in Befragungen über ihr künftiges Verhalten angeben, und dem, was sie tun, wenn sie einem konkreten Angebot mit Preis, Alternativen und Aufwand gegenüberstehen.
Die Lücke ist eines der am besten belegten Phänomene der Verhaltensforschung. Ihre Größe ist aber nicht konstant: Sie hängt von Kategorie, Preis, Neuheit und Messsituation ab. Deshalb lässt sie sich nicht pauschal herausrechnen, sondern wird je Entscheidung gemessen.
Wer in einer Befragung sagt, er würde einen Tarif abschließen oder ein Produkt kaufen, gibt eine ehrliche Auskunft über seine Haltung in diesem Moment. Er trifft aber keine Wahl. Es fehlen der Preis im Vergleich zu Alternativen, der Aufwand eines Abschlusses, die Ablenkung im Alltag und das Wissen, dass die Antwort Folgen hätte. Im Angebotsmoment wirken genau diese Kräfte, und sie verschieben das Ergebnis.
Mehrere Mechanismen verstärken sich dabei. Absichten werden oft nicht umgesetzt, weil der Moment, die Gelegenheit oder die Priorität fehlt (Intention-Behavior-Gap). Hypothetische Angaben zur Zahlungsbereitschaft fallen höher aus als echte Zahlungen, weil kein Geld den Besitzer wechselt (hypothetische Verzerrung). Befragte antworten so, wie es sozial erwünscht wirkt oder wie sie sich selbst sehen möchten. Und schon die Befragung selbst verändert, wie Menschen später über ein Thema denken (Mere-Measurement-Effekt).
Der Begriff ist alt, auch wenn er heute vor allem im Marketing verwendet wird. Ein früher, oft zitierter Beleg stammt von LaPiere aus dem Jahr 1934: Ein reisendes Paar wurde in 251 Hotels und Restaurants nur ein einziges Mal abgewiesen. Als dieselben Betriebe später schriftlich gefragt wurden, ob sie solche Gäste bedienen würden, antworteten über 90 % der antwortenden Betriebe mit Nein. Angabe und Handlung liefen in entgegengesetzte Richtungen.
Für Unternehmen ist der Say-Do-Gap kein Fehler der Befragten und kein Mangel einer bestimmten Methode. Er ist eine Eigenschaft jeder Messung, die nach künftigem Verhalten fragt, statt es zu beobachten. Daraus folgt nicht, dass Befragungen nutzlos sind. Es folgt, dass ihre Aussagen zur Nachfrage eine andere Art von Evidenz sind als beobachtetes Verhalten.
Die Forschung beziffert die Lücke aus verschiedenen Richtungen. Wichtig ist dabei, welche Größe jeweils gemessen wird: der Zusammenhang zwischen Absicht und Verhalten, die Überschätzung der Zahlungsbereitschaft oder die Treffsicherheit von Kaufabsicht für den späteren Absatz.
Absicht und Verhalten: Sheeran und Webb (2016) fassen zusammen, dass Absichten etwa in der Hälfte der Fälle in Handlung umgesetzt werden. Conner und Norman (2022) berichten, dass Absichten 18 bis 23 % der Varianz im Verhalten erklären. Webb und Sheeran (2006) zeigen in einer Meta-Analyse von 47 Experimenten zudem kausal: Eine mittlere bis große Änderung der Absicht (d = 0,66) führt nur zu einer kleinen bis mittleren Änderung des Verhaltens (d = 0,36).
Zahlungsbereitschaft: Schmidt und Bijmolt (2020) werten 77 Studien mit 115 Effektgrößen aus. Hypothetisch genannte Zahlungsbereitschaft liegt dort im Schnitt 21 % über der realen. Ältere Meta-Analysen aus der Umweltökonomie kommen je nach Studienauswahl auf höhere Werte: Murphy et al. (2005) finden ein Median-Verhältnis von 1,35 bei stark rechtsschiefer Verteilung, List und Gallet (2001) eine Überzeichnung um etwa den Faktor 3.
Kaufabsicht und Absatz: Morwitz, Steckel und Gupta (2007) zeigen in einer Meta-Analyse, dass erfragte Kaufabsicht bei neuen Produkten schwächer mit dem späteren Absatz zusammenhängt als bei bestehenden. Chandon, Morwitz und Reinartz (2005) finden, dass der Zusammenhang zwischen Absicht und Kauf bei befragten Kunden um 58 % stärker ist als bei nicht befragten. Die Befragung selbst lässt Absichten also verlässlicher wirken, als sie im Markt ohne Befragung wären.
Die Spannweite dieser Werte ist selbst eine Aussage: Es gibt keinen einheitlichen Korrekturfaktor, mit dem sich Befragungsergebnisse zuverlässig in Nachfrage übersetzen lassen.
Die Studien zeigen nicht nur, dass es die Lücke gibt, sondern auch, wann sie wächst. Schmidt und Bijmolt finden eine stärkere Überschätzung bei höherwertigen Produkten, bei Spezialprodukten und in Designs, in denen dieselben Personen mehrere Varianten bewerten. Morwitz und Kollegen finden die schwächste Verbindung von Absicht und Absatz bei neuen Produkten.
Für die Praxis heißt das: Die Lücke ist dort am größten, wo Entscheidungen am teuersten sind. Ein neues Angebot, ein Premiumpreis, ein erklärungsbedürftiger Tarif oder ein Versprechen, das Menschen gerne hören, aber selten bezahlen, sind typische Fälle. Bei Routinekäufen bestehender Produkte ist die Lücke eher kleiner, aber nicht null.
Hinzu kommt die Richtung. Meist wird Nachfrage überschätzt. Bei Varianten, die sich nur in Details unterscheiden, kann eine Befragung aber auch die Reihenfolge verändern: Die Variante, die im Fragebogen am besten abschneidet, ist nicht zwingend diejenige, für die sich die meisten Menschen im Angebotsumfeld entscheiden. Weil Größe und Richtung unbekannt sind, lässt sich die Lücke ohne Beobachtung nicht sauber korrigieren.
Preis und Preiserhöhung: Befragte nennen Beträge, die sie im Angebotsmoment oft nicht wählen. Besonders sichtbar wird das bei Premiumstufen und bei Preiserhöhungen für bestehende Produkte, wo die Frage lautet, wie viel Kauf- oder Abschlussabsicht ein höherer Preis kostet.
Tarife und Verträge: Bei Versicherungen, Energie, Telekommunikation und Banken ist der Abschluss mit Aufwand verbunden. Formulare, Vertragslaufzeit und Wechselaufwand fehlen in der Befragung, wirken aber im Angebotsmoment. Die erfragte Abschlussbereitschaft liegt deshalb häufig über dem, was eine Abschlussstrecke zeigt.
Nachhaltigkeit und Werte: Aussagen zu umweltfreundlichen oder sozial verantwortlichen Produkten sind anfällig für soziale Erwünschtheit. Zustimmung ist leicht, der Mehrpreis ist es nicht. Hier überschneidet sich der Say-Do-Gap mit dem Attitude-Behaviour-Gap.
Neue Konzepte und Features: Neuheit weckt Interesse und gute Bewertungen. Ob Menschen ein neues Angebot anstelle ihrer gewohnten Lösung wählen, zeigt sich erst, wenn Preis und Alternative sichtbar sind.
Claims und Marke: Ein Versprechen kann in der Befragung überzeugen und trotzdem niemanden zum Angebot führen. Umgekehrt wirkt manche nüchterne Formulierung im Verhalten stärker, als die Bewertung vermuten lässt.
Business Cases für neue Produkte, Tarife oder Preismodelle rechnen häufig mit einer erfragten Kauf- oder Abschlussbereitschaft. Jede Stufe, die auf einer Angabe im Konjunktiv beruht, trägt die Lücke weiter: Absatz, Umsatz, Deckungsbeitrag und Amortisation. Kleine Abweichungen am Anfang werden so zu großen Abweichungen am Ende der Rechnung.
Das betrifft nicht nur Innovation. Bei einer Preiserhöhung entscheidet die Frage, wie viel Abschlussabsicht der höhere Preis kostet. Bei einem Claim entscheidet, ob die Aussage Menschen zum Angebot führt, nicht, ob sie ihr zustimmen. Bei Marke und Positionierung entscheidet, welche Variante im Wettbewerb gewählt wird. In all diesen Fällen misst eine Befragung Zustimmung, während die Entscheidung von Verhalten abhängt.
Die Konsequenz ist keine Abkehr von Befragungen, sondern eine klare Rollenverteilung: Befragungen und qualitative Forschung erklären Motive und Treiber und helfen, Varianten zu entwickeln. Die finale Frage, welche Variante Menschen wählen, beantwortet ein Test, der Verhalten misst, bevor investiert wird.
Innerhalb von Befragungen gibt es erprobte Wege, die Lücke zu verkleinern: realistische Preisangaben, Wahlaufgaben statt Skalen, Designs, in denen jede Person nur eine Variante sieht, Hinweise auf die Verzerrung vor der Frage (Cheap Talk) und anreizkompatible Verfahren, bei denen eine Wahl tatsächlich Folgen hat. Diese Ansätze verbessern die Messung. Sie beseitigen die Lücke aber nicht verlässlich, und keiner von ihnen ist frei von Verzerrung.
Der zweite Weg ist, Verhalten direkt zu beobachten. Das geschieht im Markt, etwa mit Absatzdaten oder A/B-Tests an bestehenden Angeboten, oder vor dem Markt mit Verhaltenstests. Ein Painted-Door-Test zeigt ein realistisches Angebot mit Preis im gewohnten Online-Umfeld und misst, wie viele Menschen sich dafür entscheiden. Verkauft wird dabei nichts: Wer sich entscheidet, erfährt im Anschluss transparent, dass es sich um einen Test handelt.
Horizon setzt diesen zweiten Weg um. Reale Menschen erreichen die Angebotsseiten über Google- und Meta-Anzeigen, ohne Panel und ohne Incentive. Bis zu sechs Varianten werden unter gleichen Bedingungen verglichen, und von der Frage bis zur Datenauswertung vergehen rund vier Wochen. Das Ergebnis ist eine gemessene Kauf- oder Abschlussabsicht je Variante, die die Befragung ergänzt und nicht ersetzt.
Ein Versicherer plant einen neuen Zahnzusatztarif in drei Varianten: günstig mit Basisleistung, mittel mit Prophylaxe, teurer mit Zahnersatz. In einer Befragung geben die meisten Teilnehmenden an, die mittlere Variante wahrscheinlich abzuschließen, und die teure Variante erhält die besten Bewertungen für Leistung.
Im Verhaltenstest sieht jede Person nur eine der drei Angebotsseiten, jeweils mit Preis und Abschlussstrecke. Gemessen wird der letzte verbindliche Klick vor der Auflösung. Ergebnis: Die günstige Variante erreicht die höchste gemessene Abschlussabsicht, die mittlere liegt knapp dahinter, die teure deutlich darunter. Der Abstand zwischen günstig und mittel ist klein genug, dass der Versicherer die mittlere Variante mit ihrem höheren Beitrag weiterverfolgt, jetzt mit einer belastbaren Annahme für den Business Case.
Die Befragung war damit nicht falsch. Sie hat gezeigt, welche Leistungen gefallen und warum. Erst das Verhalten hat gezeigt, welche Variante gewählt wird und was der höhere Preis an Abschlussabsicht kostet.
Intention-Behavior-Gap: die Lücke zwischen Absicht und Handlung aus der Psychologie, der Kern des Say-Do-Gap bei Kauf- und Abschlussentscheidungen.
Hypothetische Verzerrung: die systematische Überschätzung der Zahlungsbereitschaft, wenn kein Geld fließt.
Attitude-Behaviour-Gap: die Lücke zwischen Einstellung und Kauf, besonders sichtbar bei Nachhaltigkeit und Premiumprodukten.
Mere-Measurement-Effekt: Schon das Befragen verändert späteres Verhalten und macht Absichten scheinbar verlässlicher.
Wie sich Verhaltensdaten und Befragungsdaten ergänzen, beschreibt der Eintrag Verhaltensdaten vs. Befragungsdaten.
Der Say-Do-Gap ist kein Argument gegen Befragungen. Er beschreibt, wofür Angaben zu künftigem Verhalten weniger taugen: als alleinige Grundlage für Nachfrage und Preis bei neuen oder teuren Entscheidungen. Für Motive, Wahrnehmung, Verständnis und Zufriedenheit sind Befragungen oft das bessere Werkzeug.
Auch ein Verhaltenstest hat Grenzen. Er misst Kauf- oder Abschlussabsicht im Angebotsmoment, nicht Wiederkauf, Nutzung oder Kündigung. Er zeigt, welche Variante gewählt wird, erklärt aber nicht allein, warum. Und er beschreibt die Menschen, die über die gewählten Kanäle erreicht werden. Für Entscheidungen, bei denen Beratung, lange Vertragsgespräche oder Offline-Kanäle dominieren, braucht es eine sorgfältige Übertragung.
Schließlich ist die gemessene Kaufabsicht kein Absatz. Sie ist ein belastbarer Vergleich zwischen Varianten und eine bessere Annahme für den Business Case als eine erfragte Bereitschaft, aber die Verantwortung für die Entscheidung bleibt bei den Verantwortlichen im Unternehmen.
Wer den Say-Do-Gap ernst nimmt, braucht deshalb keine neue Methode für alles, sondern eine klare Regel, welche Entscheidungen welche Evidenz brauchen.
Sheeran & Webb 2016: Absichten werden etwa in der Hälfte der Fälle in Handlung umgesetzt. The Intention-Behavior Gap, Social and Personality Psychology Compass. Quelle
Webb & Sheeran 2006: In 47 Experimenten bewirkte eine mittlere bis große Änderung der Absicht (d = 0,66) nur eine kleine bis mittlere Änderung des Verhaltens (d = 0,36). Does changing behavioral intentions engender behavior change? A meta-analysis of the experimental evidence, Psychological Bulletin. Quelle
Schmidt & Bijmolt 2020: 77 Studien, 115 Effektgrößen: Hypothetische Zahlungsbereitschaft liegt im Schnitt 21 % über der realen; stärker bei höherwertigen Produkten, Spezialprodukten und Within-Subject-Designs, bei indirekten Verfahren höher als bei direkten Fragen. Accurately measuring willingness to pay for consumer goods: a meta-analysis of the hypothetical bias, Journal of the Academy of Marketing Science. Quelle
Morwitz, Steckel & Gupta 2007: Meta-Analyse: Erfragte Kaufabsicht hängt bei neuen Produkten schwächer mit dem späteren Absatz zusammen als bei bestehenden. International Journal of Forecasting 23(3). Quelle
Chandon, Morwitz & Reinartz 2005: Bei befragten Kunden ist der Zusammenhang zwischen Absicht und Kauf um 58 % stärker als bei nicht befragten: Die Befragung selbst bläht die gemessene Validität auf. Journal of Marketing 69(2). Quelle
Das hängt davon ab, was gemessen wird. Absichten werden etwa zur Hälfte umgesetzt, hypothetische Zahlungsbereitschaft liegt in einer großen Meta-Analyse im Schnitt 21 % über der realen. Für die eigene Entscheidung ist die Größe unbekannt, bis Verhalten gemessen wird.
Nicht verlässlich. Die Studien zeigen große Spannweiten je nach Kategorie, Preis und Neuheit, und die Lücke kann sogar die Reihenfolge von Varianten verändern.
Ja, meist kleiner als bei neuen Produkten. Bei Preiserhöhungen, neuen Tarifstufen oder geänderten Claims ist er für die Entscheidung trotzdem relevant.
Nein. Befragungen erklären Motive und Treiber. Für die Frage, welche Variante Menschen wählen, ergänzt ein Verhaltenstest die Befragung.
Horizon misst nicht die Lücke selbst, sondern die Seite, die in Befragungen fehlt: die gemessene Kauf- oder Abschlussabsicht realer Menschen an realistischen Angeboten. Verkauft wird dabei nichts.
Bringen Sie Ihre Entscheidungsfrage mit, wir skizzieren ein mögliches Testdesign.
Sie sprechen mit Daniel Putsche
Gründer & CEO, 30 Minuten