



Eine Preisschwelle ist ein Preispunkt, an dem die Nachfrage sprunghaft stärker reagiert als davor oder danach, etwa beim Überschreiten einer runden Zahl wie 20, 100 oder 1.000 Euro.
Preisschwellen erklären, warum ein Preis von 19,90 Euro oft anders wirkt als einer von 20,50 Euro, obwohl der Unterschied gering ist. Sie zeigen sich im Verhalten, auf einer Skala sind sie kaum zu erkennen.
Wer knapp unter einer Schwelle bleibt, verschenkt unter Umständen wenig Erlös und gewinnt viel Nachfrage. Wer sie überschreitet, verliert unter Umständen mehr, als der höhere Preis einbringt. Für Preiserhöhungen, Tarifanpassungen und Neueinführungen ist es deshalb wertvoll zu wissen, ob und wo eine Schwelle liegt.
Die Forschung zeigt, dass Preise mit Endung 9 vor allem dann deutlich kleiner wirken als ein Cent mehr, wenn sich die linke Ziffer ändert (Thomas & Morwitz 2005). In Feldexperimenten steigerte eine Preisendung auf 9 die Nachfrage in allen drei untersuchten Fällen, bei neuen Artikeln stärker als bei bekannten (Anderson & Simester 2003). Ob eine solche Schwelle für ein bestimmtes Angebot eine Rolle spielt, ist damit aber nicht beantwortet.
Eine Schwelle lässt sich nur finden, wenn Preise knapp darunter und knapp darüber verglichen werden. In Befragungen nennen Menschen oft runde Zahlen, die Antworten häufen sich an denselben Punkten, und das verdeckt echte Sprünge in der Reaktion.
Im Verhaltenstest werden Preise links und rechts der vermuteten Schwelle als eigene Varianten gezeigt, jede Person sieht nur einen Preis. Fällt die gemessene Kaufabsicht zwischen zwei nah beieinanderliegenden Preisen deutlich stärker als zwischen weiter entfernten, spricht das für eine Schwelle.
Eine Reiseversicherung soll künftig 99 oder 109 Euro im Jahr kosten, als Vergleich läuft 89 Euro mit. Zwischen 89 und 99 Euro sinkt die gemessene Abschlussabsicht um 5 Prozent, zwischen 99 und 109 Euro um 22 Prozent.
Die Grenze von 100 Euro wirkt hier als Schwelle. Wer über 100 Euro gehen will, braucht einen deutlichen Mehrwert, der die Schwelle rechtfertigt.
Die Preiselastizität beschreibt die durchschnittliche Reaktion der Nachfrage in einem Preisbereich. Eine Preisschwelle ist eine Stelle, an der diese Reaktion sprunghaft wächst. Die akzeptierte Preisspanne aus Van Westendorp beschreibt, welche Preise als angemessen gelten, und ist keine Schwelle im Verhalten.
Der Ankereffekt beschreibt, wie ein zuvor gesehener Wert die Bewertung beeinflusst. Schwellen entstehen dagegen aus der Art, wie Menschen Preise lesen und einordnen.
Schwellen sind kein Naturgesetz. Ob eine runde Zahl wirkt, hängt von Kategorie, Referenzpreisen und Zielgruppe ab. Um eine Schwelle sicher zu erkennen, braucht es Preise nah beieinander und ausreichend große Stichproben je Variante.
Ein Verhaltenstest findet nur Schwellen zwischen den getesteten Preisen. Bei Artikeln, die im Regal neben Wettbewerbern gewählt werden, zählt zudem der Preisabstand zum Nachbarprodukt, den eine Angebotsseite nicht abbildet.
Thomas & Morwitz 2005: Fünf Experimente: Ein Preis mit Endung 9 wirkt nur dann deutlich kleiner als ein Cent mehr, wenn sich die linke Ziffer ändert (etwa 2,99 zu 3,00). Penny Wise and Pound Foolish: The Left-Digit Effect in Price Cognition, Journal of Consumer Research 32(1). Quelle
Anderson & Simester 2003: Drei Feldexperimente: Eine Preisendung auf 9 steigerte die Nachfrage in allen drei Experimenten, bei neuen Artikeln stärker als bei bekannten. Effects of $9 Price Endings on Retail Sales: Evidence from Field Experiments, Quantitative Marketing and Economics 1(1). Quelle
Nein. Der Effekt ist vor allem dann stark, wenn sich die linke Ziffer ändert, und er fällt je Kontext unterschiedlich aus.
So nah, dass der Unterschied im Preis klein ist, verglichen mit dem erwarteten Sprung in der Nachfrage. Oft reichen zwei Preise knapp darunter und knapp darüber plus ein Vergleichspreis.
Nur eingeschränkt. Befragte nennen häufig runde Zahlen, was Häufungen erzeugt, die nicht dem Verhalten entsprechen müssen.
Bringen Sie die Preispunkte mit, wir skizzieren ein mögliches Testdesign.
Sie sprechen mit Daniel Putsche
Gründer & CEO, 30 Minuten