



Der Nachfrageeffekt (Demand Characteristics) ist die Verzerrung, die entsteht, wenn Teilnehmende einer Studie ahnen, was untersucht wird, und ihr Antwortverhalten bewusst oder unbewusst an die vermutete Erwartung der Forschenden anpassen.
Wer weiß, dass er getestet wird, antwortet anders. Der Begriff geht auf den Psychologen Martin Orne zurück und betrifft Befragungen, Laborexperimente und Konzepttests gleichermaßen.
In fast jeder Studie senden Aufbau, Reihenfolge und Formulierung Signale darüber, worum es geht. Eine Befragung, die zehn Fragen lang über ein neues Produkt spricht, lässt wenig Zweifel, welche Antwort willkommen wäre. Viele Teilnehmende wollen hilfreich sein, einige wollen kritisch wirken. Beides verschiebt die Antworten weg von dem, was dieselben Menschen in einer gewöhnlichen Kaufsituation tun würden.
Für Entscheidungen über Preis, Tarif, Claim oder ein neues Angebot heißt das: Die gemessene Zustimmung enthält einen Anteil, der aus der Studiensituation selbst stammt. Wie groß dieser Anteil ist, lässt sich im Einzelfall kaum bestimmen. Er hängt davon ab, wie deutlich die Studie ihr Ziel verrät, wer teilnimmt und ob für eine Antwort etwas auf dem Spiel steht.
Ökonomische Experimente zeigen, dass der Effekt bei schwachen Signalen eher moderat ist, bei deutlichen Hinweisen auf das Studienziel aber stark werden kann. Entscheidend ist also, wie offen eine Studie ihr Ziel zeigt.
Ein Versicherer will wissen, ob ein Zahnzusatztarif mit Sofortleistung ankommt. In einem Konzepttest sehen Befragte die Tarifbeschreibung, danach folgen Fragen zu Attraktivität, Neuheit und Abschlussabsicht. 38 Prozent geben an, den Tarif wahrscheinlich abzuschließen.
Im Verhaltenstest erscheint derselbe Tarif als Anzeige und realistische Angebotsseite. Niemand weiß im Moment der Entscheidung, dass es um eine Studie geht. 4 Prozent der Besuchenden starten den Abschluss und hinterlassen ihre E-Mail-Adresse. Die beiden Werte messen Verschiedenes und sind nicht direkt vergleichbar, aber die Größenordnung zeigt, wie viel Zustimmung aus der Studiensituation kommen kann.
Soziale Erwünschtheit beschreibt Antworten, die gesellschaftlich gut dastehen sollen, unabhängig vom Studienziel. Der Nachfrageeffekt richtet sich dagegen an den vermuteten Erwartungen der Forschenden aus. Die Zustimmungstendenz ist ein Antwortstil, Ja zu sagen, egal zu welcher Aussage. Der Mere-Measurement-Effekt schließlich beschreibt, dass schon das Befragen späteres Verhalten verändert. In der Praxis wirken oft mehrere dieser Effekte gleichzeitig.
Vom Hawthorne-Effekt unterscheidet sich der Nachfrageeffekt dadurch, dass es um die Interpretation des Studienziels geht, nicht allein um das Gefühl, beobachtet zu werden.
Im Painted-Door-Test begegnen Menschen einem Angebot in ihrem gewohnten Online-Umfeld, über Google- oder Meta-Anzeigen, ohne Panel und ohne Incentive. Es gibt keine Fragen, die ein Ziel verraten, und jede Person sieht nur eine Variante. Gemessen wird die Kaufabsicht oder Abschlussabsicht über das Verhalten auf der Angebotsseite. Erst nach der Entscheidung erfahren die Menschen transparent, dass es sich um einen Test handelt.
Auch ein Verhaltenstest ist nicht frei von Kontext. Anzeigenumfeld, Zielgruppenauswahl und Gestaltung der Angebotsseite prägen das Ergebnis. Der Test beseitigt den Nachfrageeffekt der Befragungssituation, nicht jede Verzerrung. Er erklärt außerdem nicht, warum sich jemand entscheidet. Dafür bleiben qualitative Interviews und Befragungen wertvoll, am besten nachdem das Verhalten gezeigt hat, was passiert.
de Quidt, Haushofer & Roth 2018: Sieben vorregistrierte Experimente mit rund 19.000 Teilnehmenden: Auf schwache Hinweise zum Studienziel reagieren Teilnehmende moderat (im Mittel etwa 0,13 Standardabweichungen), auf starke Hinweise deutlich (Grenzen im Mittel etwa 0,6 Standardabweichungen). Measuring and Bounding Experimenter Demand, American Economic Review. Quelle
Er lässt sich verringern, etwa durch neutrale Formulierungen, verdeckte Studienziele oder die Einbettung der Zielfrage zwischen andere Fragen. Ganz verschwinden kann er nicht, solange die Teilnehmenden wissen, dass sie an einer Studie teilnehmen.
Nein. Studien zeigen moderate Effekte, wenn eine Studie ihr Ziel kaum verrät, und deutlich größere, wenn die Erwartung offensichtlich ist. Konzepttests zu einem einzelnen Produkt gehören eher zur zweiten Gruppe.
Nicht im Moment der Entscheidung. Sie sehen eine Anzeige und eine realistische Angebotsseite. Danach erfahren sie transparent, dass es sich um einen Test handelt. Verkauft wird nichts.
Bringen Sie Ihre Entscheidungsfrage mit, wir skizzieren ein mögliches Testdesign.
Sie sprechen mit Daniel Putsche
Gründer & CEO, 30 Minuten